Winter Sleep war 11 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im Januar 2015.

Winter Sleep

Nuri Bilge Ceylan, Türkei, 2014
Goldene Palme Cannes, 196 Min.

In den Bergen Kappadokiens betreibt der ehemalige Schauspieler Aydin ein romantisches Höhlen-Hotel. Er lebt hier mit seiner jungen Frau Nihal und der frisch geschiedenen Schwester Necla, verwaltet die geerbten Güter der Familie und will ein Buch zur Geschichte des Theaters schreiben. Vor den Fenstern bedeckt allmählich der Schnee die irre Landschaft, und drinnen brechen die beiden Frauen ihr Schweigen. Nuri Bilge Ceylan seziert die Selbstgefälligkeit eines Mannes vor unseren Augen so bravourös, dass die 196 Filmminuten zu einem packenden Schaustück geraten, dessen Sog man sich kaum entziehen kann. Der im Mai hochverdient mit der Goldenen Palme ausgezeichnete Film ist schauspielerisch und visuell ein Kinoerlebnis von grosser Intensität. Jurypräsidentin Jane Campion brachte es auf den Punkt, als sie sagte: «Ein intelligentes und raffiniertes Meisterwerk, ein unglaublicher Rhythmus, der dich nach und nach nach innen trägt. Ich habe mich in den Figuren wiedererkannt.»

In die Hügel Anatoliens hinein hatte Nuri Bilge Ceylan bereits seinen Spielfilm «Once Upon A Time in Anatolia» choreografiert. In «Winter Sleep» gräbt er sich förmlich in die Erde dieser Landschaft vor, in Häuser hinein, die wie Hügel gebaut sind. Hierhin hat sich der alternde Schauspieler Aydin verkrochen, um Abstand zu nehmen von der Welt, seine Ruhe zu haben. Ein Besitzender ist er und ein Intellektueller, Erbe des ganzen Komplexes und auch von Liegenschaften in der Umgebung. Selbstgefällig springt er mit den Menschen um, gleichzeitig versucht er, Ruhe auszustrahlen. Ein Murmeltier, das sich, kurz vor dem Winterschlaf und zur Schonung der angefressenen Fettreserven, nicht mehr gross bewegen will. Nuri Bilge Ceylan zeigt den alternden Mann verloren in seiner eigenen Natur. Er inszeniert mit seiner Figur ein Stück von explosiver Dichte, das soziale Gesellschafts-Studie genauso ist wie präzise Betrachtung eines Einzelnen. Tschechow, den er verehrt, lässt in diesem Meisterwerk grüssen. Ceylan hat zusammen mit seiner eigenen Frau Ebru Dialoge geschrieben, denen man gefesselt lauscht, bis sie, ohne jede Überheblichkeit, bei Shakespeare ankommen. Eine schönere Einstimmung in den Winter kann man sich kaum vorstellen.

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