The Sound of Insects war 4 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im Oktober 2009.

The Sound of Insects

Peter Liechti, Schweiz, 2009
88 Min.

Im tiefen Winter findet der Jäger S. im abgelegensten Waldstrich des Landes die Mumie eines etwa 40- jährigen Mannes. Aufgrund der minuziösen Aufzeichnung des Toten stellt sich heraus, dass der Mann im vorangegangenen Sommer Selbstmord durch Verhungern begangen hatte. Eine sehr persönliche Annäherung an einen fiktionalen Text, welcher wiederum auf einer wahren Begebenheit beruht. Ein filmisches Manifest für das Leben - herausgefordert durch den radikalen Verzicht darauf. Nach der Novelle «miira ni naru made» von Shimada Masahiko. Der Schweizer Filmemacher Peter Liechti (Signers Koffer, Namibia Crossings) hat sich immer wieder experimentierfreudig an seine Stoffe herangewagt und die Realitäten mit Kamera und Tongerät abgetastet. Da entstehen eigenständige Seherfahrungen, die das Gängige sprengen und andere Dimensionen der Wahrnehmung ermöglichen. «The Sound of Insects» ist denn auch keine Literaturverfilmung, sondern die filmische Inszenierung eines literarischen Textes. Der dramatische Monolog des Selbstmörders X ist an niemanden gewandt, ist weder deskriptiv noch retrospektiv, sondern ganz auf den Moment bezogen. Da ist kein Lamento, kein Selbstmitleid, keine Sentimentalität. Im Gegenteil, manchmal scheint gar eine unterschwellige Ironie durch. Der Text drängt einem nichts auf, vertritt keine Moral und verzichtet auf jede Wertung; gerade dadurch trifft er direkt. Die Herkunfts- und Geschichtslosigkeit von X und seine Anonymität sind auch Chiffre für die allgemeine Entfremdung des Menschen in der globalisierten Welt. Die Austauschbarkeit der wenigen Charakteristika seiner Persönlichkeit entspricht dem Lebensgefühl in einer materialistischen Gesellschaft. Zum lebendigen, fassbaren Individuum - auch für sich selbst - wird er erst durch seine ausserordentliche Leidensfähigkeit und den monströsen Masochismus seiner Tat. Gerade der Selbstmord durch Verhungern sei eine höchst persönliche Todesart, schreibt X in sein Tagebuch, weil man so für lange Zeit nur mit sich beschäftigt sei. Der Akt des unbekannten Toten stellt schliesslich auch eine Form radikalster Verweigerung dar: Totaler Rückzug aus dem Getriebe der Leistungsgesellschaft, die vollkommene Verweigerung des Konsumierens, des Mitmachens, der Hetzerei in diesem Leben. Die unterschwellige Kritik am zeitgenössischen Materialismus ist evident. Shimada stellt damit die klare Forderung, selber eine Haltung einzunehmen gegenüber der einmaligen Möglichkeit des Lebens.

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