La Vie De Bohème war 2 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im Juni 2009.

La Vie De Bohème

Aki Kaurismäki, Finnland, 1992
100 Min.

In «Pierrot le Fou» von Jean Luc- Godard, lang ist's her, sagt Sam Fuller zu Jean-Paul Belmondo: «Mein Name ist Sam Fuller, ich bin ein amerikanischer Filmregisseur.» Und als dieser ihn fragt, was Film denn genau sei, kriegt er zur Antwort: «Ein ist Film wie ein Schlachtfeld: Liebe, Hass, Action, Gewalt und Tod. Mit einem Wort: Emotion.» Fullers Name steht für eine Art Kino, die ohne viel Aufsehens und ohne viel Aufwand Filme von packender Einfachheit produziert, aus Liebe, Spiel und Spass, kurz: Aus Emotion. Wenn genau dieser Sam Fuller hier auch in Aki Kaurismäkis kleiner Filmperle wieder einmal so eine kleine Rolle bei einem Europäer innehat - er mimt sich selbst, gibt stumpenqualmend einen Verleger - so ist das fast schon ein Glaubensbekenntnis. «Kino», sagt Fuller, «das muss man entweder mit Leib und Seele machen und leben oder sein lassen.» Aki Kaurismäki würde den Satz unterschreiben. Für seinen Streich mit Alltagsszenen aus dem Leben dreier Pariser Bohèmiens führte er seinerzeit drei Entschuldigungen an, die für sich schon sehr viel sagen: Er hätte den Film gedreht, weil er Jacques Prévert aus Gründen höherer Gewalt dafür nicht engagieren konnte - Prévert ist tot, aber sein Blick auf Paris lebt bei Kaurismäki wieder auf. Er habe im weiteren Shakespeare und Dostojewski schon «so rüpelhaft verunstaltet», dass ihm eh nie mehr verziehen würde und schliesslich hätte er sich an Puccini rächen wollen, der mit seiner Oper «La Bohème» zu Unrecht als Vater einer grossartigen Geschichte gelte. Kurz: Der Finne wollte dem Romanautor Henri Murger, Paris und dem Bohème-Leben, aber auch dem französischen Kino der vierziger Jahre seine Referenz erweisen. Sein Ziel - das episodenhafte, romantisch-realistische Buch solle wieder gekauft und gelesen werden. Mit Fuller hat er die Präzision der kurzen Szenen gemein, das trockene Erzählen einer Geschichte, in der sich eigentlich gar nicht viel erreignet. Wenn er beispielsweise einen Trabi vorfahren lässt, grölt schon der ganze Saal. Eine simple Situation schafft die Komik allein. Dem Trabi-Kofferraum entsteigt Rodolfo, ein albanischer Maler und Flüchtling. Er war kurz zuvor noch jenes Landes verwiesen worden, in das er nun heimlich zurückkehrt. Rodolfo gehört zu einem besonders feinen Trio von Bohèmiens, das uns «La vie de Bohème» näherbringen soll, neben Rodolfo jenes des Musikers Schaunard und des Dichters Marcel. Als Rodolfos Freundin Mimi schwer erkrankt, geben die drei das Letzte her, um ihr ein anständiges Spitalbett zu finanzieren: Der Maler opfert seine Bilder, der Musiker seinen Dreirad-Wagen und der Literat seine Sammlung von Erstausgaben. Hart und traurig, dieser Moment, aber ungemein wahr. Die Pariser Bohème ist für Kaurismäki mehr als ein Thema: Sie ist mit ihrer Kunst, aus nichts ein Leben zu gestalten, eine Frage des Stils. Zur Kargheit des Lebens der Bohèmien passt seine Kargheit der Gestaltungsmittel. Der Finne ist und bleibt im besten Sinn Minimalist.

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