Kurosawas Idiot war 2 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im März 2009.

Kurosawas Idiot

Akira Kurosawa, Japan, 1952
113 Min.

Der russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski wollte in seinem bekannten Roman «Der Idiot» «einen wirklich guten Menschen zeigen. Ironischerweise wählte er einen Idioten.» Der Japaner Akira Kurosawa verwirklichte mit der Verfilmung des Buchs seine Obsession: Die Darstellung des notwendigen Scheiterns in einer ungerechten Gesellschaft. Es ist eine Adaptation im besten Sinn, verlegt der Filmemacher den Stoff doch auf die winterkalte japanische Insel Hokkaido. Der Titelheld kehrt nach einer Absenz heim und scheitert, weil er sich in seiner Naivität nicht gegen die Intrigen zur Wehr setzen kann. Und eine der Hauptrollen spielt Kurosawas langjähriger Star Toshiro Mifune. Der Kurosawakenner Gerhard Midding schreibt zu «Hakuchi» (Idiot): «Man ist rasch versucht, den Ursprung und die staunenswerte Werktreue seiner Verfilmung in Kurosawas Kindheit zu suchen. Er war ein unersättlicher Leser mit einer Vorliebe für die russische Literatur des 19. Jahrhunderts, besonders für Dostojewski, der sein Lieblingsautor wurde, weil er «mit grösster Aufrichtigkeit über die menschliche Existenz schreibt.» (Kurosawa). Aber die Bildungsabenteuer seiner Kindheit haben noch eine weitere Spur hinterlassen. Der junge Akira entdeckte das Kino, weil sein älterer Bruder Hiego sich seinen Lebensunterhalt als «benshi» verdiente, als Kommentator von Stummfilmen. «Hakuchi» knüpft zu Beginn ganz explizit an die narrativen Techniken des stummen Kinos an, ausführliche Zwischentitel, eine Erzählstimme aus dem Off (und später eine Nebenfigur) schildern den Fortgang der Handlung. Das Drehbuch verlegt die Handlung aus dem aristokratischen Milieu Russlands im 19. Jahrhundert in die wohlhabende Mittelschicht von Hokkaido, der nördlichsten Hauptinsel Japans, wo der Winter am längsten dauert und die Sitten noch eine Spur westlicher sind als anderswo im Land. Die Adaption folgt der Vorlage mit ehrfürchtiger Worttreue, übernimmt zahlreiche Dialoge aus dem Buch, weicht in einigen berückenden Szenenerfindungen jedoch eigenwillig von ihr ab, etwa der Karnevalsfeier auf dem Eis und der nächtlichen Nachtwache der beiden männlichen Protagonisten am Leichnam der Frau, die sie beide auf je eigene Weise geliebt haben.» Das ist einer der am stärksten verinnerlichten Filme Akira Kurosawas. In seinem Zenrum steht eine scheinbar passive Präsenz, die jedoch zum Gravitationszentrum eines ganzen Figurenensembles wird. Er stattet den schüchternen Menschen voller Kindlichkeit, der weltfremd ist, mit einem intuitiven Gespür für die verborgene Wahrheit in den menschlichen Beziehungen aus. «Idiot» zählt zu den schönsten Literaturfilmen.

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