Shotgun Stories war 5 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im Oktober 2008.

Shotgun Stories

Jeff Nichols, USA, 2007
92 Min.

Son Hayes spricht nicht über die Narben auf seinem Rücken. Die unter seiner Haut steckenden Schrotkugeln erzeugen ein Muster von blauschwarzen Flecken. Seine Mitarbeiter in der Fischfarm schliessen Wetten darauf ab, was mit ihm geschehen ist. Seine Brüder, Boy und Kid Hayes, schweigen sich darüber aus. Seine Vergangenheit liegt, wie die Narben, nur unweit hinter ihm. Dies gilt insbesondere für die Erinnerung an seinen Vater, der sich noch nicht einmal die Mühe machte, seinen Kindern Vornamen zu geben. Er verliess die drei Brüder, Son, Boy und Kid, als sie noch jung waren. Ihr letzter Eindruck war derjenige eines Trinkers, der seine eigenen Bedürfnisse stets über diejenigen der Familie stellte. Zu Beginn des Films lernen wir Son, Boy und Kid als erwachsene Menschen kennen. Sons Ehe ist heftig am Kriseln - seine Frau ist am Morgen mit Söhnchen Carter ausgezogen -, während Nesthäkchen Kid und der dickliche Boy sich längst eingerichtet haben im permanenten Provisorium: Der eine haust in einem Zelt in Sons Garten, der andere wohnt in seinem Van. Es ist Sommer, man sitzt draussen im Freien, trinkt Bier im Garten mit dem vielen Gerümpel oder geht angeln am Fluss; im Gegenlicht der letzten Abendsonne blitzen Spinnennetze und herabsinkende Blütenpollen. Träge und zäh wie Sirup zieht das Leben vorüber. So leben sie ihr Leben und blicken in die Zukunft, doch da werden sie von der Vergangenheit eingeholt. Inmitten der Baumwollfelder und der Nebenstrassen des südöstlichen Arkansas müssen die Brüder entdecken, wie weit man gehen muss oder soll, um seine Familie zu schützen. Doch selbst wenn sie von Mord und Vergeltung erzählen, bleiben die Bilder still und zurückhaltend. Kein blutiges Rot durchbricht das Türkis, Grau-Blau und Grün des Wassers, der Wiesen und Felder. Die Besinnung auf die eigenen Kinder oder die, die man mal haben wird, kann schliesslich dem Hass Einhalt gebieten. Auf dass die Übriggebliebenen einmal die besseren Väter sein mögen. In «Shotgun Stories» erzählt der 29-jährige Jeff Nichols vor dem Hintergrund von Baumwollfeldern und Landstrassen im südöstlichen Arkansas in ebenso leisen wie beeindruckenden Bildern von der Fehde, die zwischen zwei Gruppen von Halbbrüdern nach dem Tode ihres gemeinsamen Vaters ausbricht. Im Programm des Berliner Forums des Jungen Films hiess es: «Ein präzises Debüt, in dem fast alles funktioniert, was man sich wünschen kann. Die Figuren sind grossartig erzählt, die Landschaft dramatisiert die ganze Geschichte mit.»

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