Ein Lied für Argyris war 6 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im Dezember 2006.

Ein Lied für Argyris

Stefan Haupt, Schweiz, 2006
87 Min.

Distomo heisst ein kleines Bauerndorf in Griechenland, in den Bergen in der Nähe von Delphi, dort also, wo die alten Griechen ihr Orakel aufsuchten. Hier überlebte der kaum vier Jahre alte Knabe Argyris am 10. Juni 1944, was die meisten Bewohnerinnen und Bewohner seines Heimatdorfes nicht überstanden. Innert weniger Stunden verlor er seine Eltern und 30 weitere Familienangehörige. Als griechisches Waisenkind wurde Argyris nach Kriegsende 1949 in die Schweiz gebracht, nach Trogen ins Kinderdorf Pestalozzi. Er doktorierte später an der ETH Zürich in Mathematik und Astrophysik, begann griechische Dichter ins Deutsche zu übersetzen, wehrte sich ende der 60er Jahre mit einer Zeitschrift gegen die Militärdiktatur in seinem Heimatland und arbeitete später mit dem Schweizerischen Katastrophenhilfekorps als Entwicklungshelfer in Nepal und Indonesien. Argyris Sfountouris, mittlerweile 66 Jahre alt, ist ein Mann von gewinnendem Charme und melancholischer Heiterkeit. Er hat sich Zeit seines Lebens mit dem Wahnsinn auseinandergesetzt, der ihm als Kind durch die deutsche Besatzungsmacht widerfahren ist. Er hat versucht, nicht etwa innerlich damit «fertig» zu werden oder «abzuschliessen», sondern damit leben zu lernen – und sein Möglichstes zu tun, damit sich sein Schicksal nicht wiederholt. Der Filmemacher Stefan Haupt (“Elisabeth Kübler-Ross”) ist diesem Schicksal begegnet und hat, Jahre später, den Entschluss gefasst, es filmisch zu dokumentieren. Zum Glück, muss man sagen, denn dadurch ist ein zutiefst bewegender Film entstanden, nicht nur für jene, die zu Griechenland eine Beziehung haben und dieses faszinierende Land lieben: Die eine Lebensgeschichte steht für viele andere, und sie steht insbesondere auch für Geschichten, die heute noch stündlich beginnen an den verschiedensten Orten dieses Planeten. Das grosse Verdienst von Stefan Haupt ist es, dass er es wagt und schafft, von einem einzelnen “Opfer der Geschichte” zu sprechen und über dieses Sprechen von den anderen Opfern mit erzählt. Normalerweise haben in der Geschichtsschreibung ja nur die Täter Namen und vielleicht noch heldenhafte Opfer. “Ein Lied für Argyris” bewegt aber nicht nur, weil die erzählte Lebensgeschichte einem nahe geht, der Film bewegt auch, weil er ebenso klug wie sensibel konzipiert und gestaltet ist. Das beginnt bei der vielschichtigen visuellen Reise, die uns sowohl hinein in Bilder der Vergangenheit führt als auch hinein in die Landschaften eines Lebens - der Film ist auch ein Lichtgedicht. Kameramann Patrick Lindenmaier hat eine ganze Reihe von unterschiedlichen Landschaften im Norden wie im Süden sehr stimmig eingefangen. Der Ton lotet die inneren und äusseren Landschaften mit aus (auch musikalisch unter anderem mit Mikis Theodorakis aber auch mit der Musik von Tomas Korber und Jorgos Stergiou). Er lässt aus ihnen klingen und in ihnen verstummen. Die Montage beharrt auf wesentlichen Elementen, kommt sensibel auf sie zurück, wenn es angebracht ist. Da ist eine nachhaltig-innige Betrachtung, auch und ganz besonders: von Bildlichem. Stefan Haupt erzählt eine Kindheitsgeschichte, die eine 60jährige Verlängerung hat und damit eine weitere Dimension: Jene, dass die innere Verletzung eines Krieges für die Verletzten nicht vorbei ist, wenn die Medien an den nächsten Schauplatz weitergezogen sind. Die Filmenden begegnen dieser einen Geschichte mit jener Würde, die dem Vertreter des deutschen Staates in Griechenland abgeht. Wie geht man mit Geschichte um? Wir sind uns öffentliche Umgangsformen gewohnt, das sind zunächst Schlagzeilen, dann Opfersummen, schliesslich Jahreszahlen. “Ein Lied für Argyris” ist im Januar für den Schweizer Filmpreis nominiert und müsste dort in der Kategorie Dokumentarfilm gewinnen, weil er ganz einfach eine Klasse für sich ist. Der Film lässt uns hinter ein historisches Datum blicken und in die Abgründe einer Opferzahl hinein. In Argyris Sfountouris hat er einen vorzüglichen Protagonisten gefunden, weil dieser Mann es glaubwürdig versteht, über sein Schicksal zu reden und anhand des Kampfes um eine simple Entschuldigung zeigt, wie wenig sich die Täter um die Opfer kümmern. Der Film ist historisch, aber er ist hochaktuell. Oder kann sich jemand auch nur annäherungsweise vorstellen, was die Zahl von 600'000 Opfern im Irak bedeutet? “Ein Lied für Argyris” ist der dringlichste Film seit Langem. Und der bewegendste.

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