Madeinusa war 8 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im September 2006.

Madeinusa

Claudia Llosa, Peru, 2006
98 Min.

In «Madeinusa» erzählt die junge peruanische Regisseurin Claudia Llosa vom Mädchen Madeinusa in einem kleinen peruanischen Dorf in den Anden. Ihr Vater ist der Bürgermeister hier und wahnsinnig stolz, dass seine Tochter für das bevorstehende Osterfest zur Heiligen Jungfrau ausgewählt wurde. Fast wie in einem Brautkleid gesteckt wird seine Tochter den Umzug durchs Dorf anführen. Der Karneval grüsst nicht nur bei diesem Ritual. Auch hier in dem entlegenen Winkel Südamerikas gelten die wenigen Tage Heilige Zeit als Freifahrtschein vor dem Herrn. Alles, was in dieser Periode an Sünden geschieht, wird vergeben werden. In diesen feuchtfröhlichen Feierlichkeiten und der erotisch aufgeladenen Stimmung platzt ein junger Fremder, ein attraktiver Grossstädter, in die Gemeinschaft. Er bietet Madeinusa gleich zwei Chancen. Im echten Leben keine «Holy Virgin» mehr zu bleiben und das Provinznest zu verlassen, um die grosse Stadt Lima kennen zu lernen. Dahin, wohin es ihre Mutter schon vor Jahren hinzog. In ihrem ersten Spielfilm verwebt Claudia Llosa virtuos Fiktion und Wirklichkeit. Sie beobachtet das Leben der DorfbewohnerInnen mit dokumentarischem Blick, hat aber alle vorkommenden Rituale erfunden und inszeniert. Die Stärke des Films liegt im Narrativen. Eindringlich wird das Schicksal einer jungen Frau nähergebracht, die sich vehement aus einer patriarchalischen Struktur befreien will. Auch wenn es die erste grosse Liebe kosten wird. Claudia Llosa erzählt in ihrem Film, den sie im wunderschönen Hochland von Huaraz, das auch die «peruanische Schweiz» genannt wird, mit Gespür für die entscheidende Zurückhaltung inszeniert hat. Unterstützt wurde sie dabei von einem hervorragenden Team, darunter dem Kameramann von Fernando Pérez aus Kuba. Es ist die Geschichte einer versuchten Selbstfindung in einem widersprüchlichen Umfeld. Ihr Film ist auch ein Stück Anden pur, eine Annäherung ans Leben in den hoch gelegenen und abgelegenen Dörfern einerseits, liebevolles Porträt auch und nicht zuletzt ein anregendes Stück darüber, was koloniales Verhalten langfristig bewirkt hat. Denn die eigenartigen Traditionen und die Widersprüchlichkeiten, von denen Claudia Llosa erzählt, sind über die Jahrhunderte hinweg entstanden und auch einer Folge der nur halbwegs «geglückten» Christianisierung. Die Indios und Indias haben ihre eigenen Formen von Religiosität behalten, sie sind heute untrennbar vermischt mit den aufgezwungenen. Damit lässt uns der an diversen Festivals preisgekrönte Film auch über unsere eigenen Andenbilder nachdenken.

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