Cosi Ridevano war 2 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im Dezember 2004.

Cosi Ridevano

Gianni Amelio, Italien, 1999
124 Min.

Turin, 1958. Giovanni aus Sizilien versucht, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. In Turin trifft er seinen jüngeren Bruder Pietro wieder, der dort studiert, um Lehrer zu werden und einmal ein besseres Leben führen zu können. Giovanni, der selbst Analphabet ist, opfert sich für dieses Lebensziel des geliebten Bruders auf. Um Geld für Pietros Ausbildung zu verdienen, nimmt er jede Arbeit an und lässt sich schliesslich auch nicht vor den Grenzen der Legalität und der Moral abschrecken. Doch Pietro fühlt sich überfordert von den Ansprüchen seines Bruders. Erst als ein Mord passiert, beginnen beide zu begreifen, wohin ihr Leben in der Fremde sie geführt hat. Gianni Amelio inszeniert mit grosser szenischer Sorgfalt Ausschnitte aus einem halben Jahrzehnt im Leben von zwei Brüdern, von denen keiner lesen oder schreiben kann, aber einer es lernen soll. Wenn einer eine Migrationsgeschichte aus den späten 50er Jahren erzählt, wenn er darüber hinaus einen bewegenden Film wie «Lamerica» über den Drang zur Flucht aus Albanien gestaltet hat, den desloaten Zustand dieses Landes, so wird er mit seinem Film wohl etwas über das Heute sagen wollen. Gianni Amelio blendet in «Così ridevano» zurück an einen kühlen Januartag im Turin des Jahres 1958. Hinter einer Säule auf dem Bahnhof hält sich Pietro versteckt, ein 16jährigen Junge, der sich aus Sizilien hierher versetzt hatte, sich in einen hellen Regenmantel kleidet, der die Haare nach hinten gekämmpft hat und dessen rote Wangen mindestens zweierlei verraten: Er ist jünger, als er wirken möchte und er kommt von einer Ecke Italiens, in der die Menschen näher an der Scholle leben als in der Industriestadt Torino. Giovanni ist ein Mann, der voller Hoffnungen die weite Reise von Sizilien in den Norden gemacht hat, der seinen kleinen Bruder studierend glaubt, und der ihm helfen möchte. Die grossen Unterschiede zwischen den Palazzi in der Stadt und den Schlupflöchern für die Zugewanderten will er gar nicht wahrnehmen, die Distanz, auf die ihn Pietro hält noch weniger. Gianni Amelio lässt ihn in diesem Film gleich zweimal ankommen, um richtig Fuss zu fassen. Amelio versteht es, in der Tradition des italienischen Kinos die Ausdrucksform für jene Jahre zu finden, die Zeit nach dem Neorealismo und vor dem Aufbruch der sechziger Jahre, die auch das italienische Kino geprägt hat. In wenigen Dialogzeilen macht er einzelne Situationen klar, um an Stimmungen zu arbeiten, die an die Migrationsgeschichten jener Jahre erinnern. Aus Judica in der Provinz Catania stammen die beiden Männer ­ das war ein langer Weg. Und die Tragödie ihrer Migration spiegelt Amelio nicht zuletzt darin, dass die beiden einander über den ganzen Film hinweg nie wirklich nahe sind und ihre Familienbande doch so gross, dass einer sich für den anderen opfert. Der Film beschreibt die Schwierigkeiten des Daseins in einer Stadt, die, wie Frisch es für die Schweiz einmal schrieb, Arbeitskräfte rief und Menschen aufnehmen musste.

© Kino Orient - Landstrasse 2, 5430 Wettingen - www.orientkino.ch