Yi Yi war 4 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im Oktober 2007.

Yi Yi

Edward Yang, Taiwan, 2000
173 Min.

«Weisst du, was ich machen will, wenn ich erwachsen bin?» fragt der kleine Yang-Yang seine Oma zum Abschied am Sarg, und er gibt ihr die Antwort gleich selber: «Ich will den Leuten Dinge erzählen, die sie nicht wissen. Ihnen Dinge zeigen, die sie noch nie gesehen haben. Das wäre prima!» Diesen Sommer sind mit Edward Yang, Sembène Ousmane, Ingmar Bergman und Michelangelo Antonioni vier grosse Filmschaffende gestorben. Wir widmen ihnen mit ersten drei Filmen Hommagen und zeigen, wie unsterblich ihr Werk ist. Was haben die vier anderes gemacht, als uns mit den Mitteln der visuellen Kunst Dinge zu zeigen, die wir noch nie gesehen haben? Dinge vor Augen geführt, die wir vielleicht kannten, aber so nicht? Dinge ahnen lassen, die sich so einfach nicht zeigen, die man aber sichtbar machen kann im Kino. Yang-Yang stolpert im Film «Yi Yi» mit einen Fotoapparat herum, mit dem er zum Beispiel die Nacken der Leute fotografiert – warum? Nun eben, weil sie den Nacken selber nicht sehen können und also nur die Hälfte der Welt wahrnehmen würden, nur einen Teil der Wahrheit, einen Teil des Ganzen. «Yi Yi» ist eine dreistündige Liebeserklärung ans Leben, einer der besten Filme, die je entstanden sind. Und er ist ebenso sehr eine Liebeserklärung ans Kino, das Edward Yang, der studierte Ingenieur und Mathematiker, so sehr geliebt hat. Jetzt ist der Film sein Testament geworden. In seinen Filmen hat der 1947 in Shanghai geborene Regisseur, der mit Hou Hsiao-hsien die taiwanesische Nouvelle Vague begründet hatte, den modernen Menschen in seinem städtischen Umfeld betrachtet. In «Yi Yi» blickt er ins Leben einer Familie im heutigen Taipeh und zeichnet ein Bild von universeller Gültigkeit. Beinahe unmerklich entwirft er über seine Figuren und eine kurze Zeitspanne hinweg einen Lebensbogen von der Geburt bis in den Tod. NJ ist ein Mann mitte vierzig, verheiratet, Vater zweier Kinder, erfolgreich im Beruf und doch irgendwie nicht mehr glücklich mit sich und dem Leben. Am Rand der Hochzeit seines Schwagers trifft er seinen Jugendschwarm wieder und macht wenig später mit der Frau seiner frühsten Träume ab. Zu Hause liegt derweil die Schwiegermutter im Koma. Mit schlafwandlerischer Sicherheit geleitet uns NJs achtjähriger Sohn YangYang durch den Familienalltag, lässt uns ungeahnte Dinge entdecken, stellt entscheidende Fragen und überrascht uns immer wieder mit seinen Wasserexperimenten. Die ältere Schwester ist es, die erste Liebeserfahrungen sammelt und lernt, dass man das Glück nicht erzwingen kann. In «Yi Yi» finden wir Spiegelungen des Lebens, die uns so vertraut vorkommen, in denen wir doch wieder und wieder neue Facetten entdecken. Es sind der Knabe, der uns die Sinne öffnet, und Edward Yang der uns die Kraft des Kinos zeigt. Ein Meisterwerk, in dem man nah am Pulsschlag des Lebens ist.

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