© Kino Orient  


Uncle Boonmee war 9 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im April 2011.

Uncle Boonmee

Apichatpong Weerasethakul, Thailand, 2010
Goldene Palme, 114 Min.

Am Ende des letzten Filmfestivals von Cannes war man mit der Jury einig: Der aussergewöhnlichste Film des Festivals war «Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben». Gedreht hatte ihn ein Regisseur, dessen Namen man sich merken sollte: Apichatpong Weerasethakul aus Thailand. Die Goldene Palme, die er erhielt, war hochverdient. Worum geht es? Ganz einfach: Ums Leben, von seinem Ende her betrachtet. Nach einem Nierenversagen fährt Onkel Boonmee aufs Land, um im Kreis seiner Familie zu sterben. Er ahnt, dass ihm nur wenige Stunden bis zum Tod bleiben. Im Haus am Rand des Regenwalds begegnet Boonmee beim Abendessen dem Geist seiner verstorbenen Frau Huay. Sie kümmert sich liebevoll um ihn und lässt ihn wissen, dass Geister nicht an Orte gebunden sind, sondern an lebende Menschen. Beide treffen sie ihren verschollenen Sohn Tong, der in der Gestalt eines Waldgeistes mit rot leuchtenden Augen erscheint. Gemeinsam mit Huay und Tong macht Boonmee sich auf den Weg durch den Dschungel, auf der Suche nach den Ursprüngen seines ersten Lebens. Nichts ist in «Uncle Boonmee» so, wie wir uns das gewohnt sind, und gerade darin liegt eine grosse Zauberkraft dieses Films: Wir können eintauchen in die andere Welt der Wahrnehmung, in eine Welt, in der die Grenzen zwischen dem, was war, was ist und was sein wird, aufgehoben sind. Die Gegenwart ist alles, die des Körpers und jene des Geistes. Apichatpong Weerasethakul gewährt uns Einblick in eine andere Dimension des Seins. Der Thailänder will keine Geschichten im gängigen Sinn erzählen, er schafft Räume, in denen sich unser Geist bewegen kann, in denen sich unsere Gedanken entfalten. Sein Kino ist ein visuelles Schreiben in der Zeit, die er unauffällig aber äusserst kunstvoll modelliert. Seine filmischen Räume laden ein zum Verweilen. Wer die Einladung annimmt, loslassen kann und sich auf das Gebotene einlässt, hat die Chance, eine andere Dimension des Kinos zu erfahren, in eine Art Trance zu geraten. Klar, da gibt es die Figur des Onkels Boonmee, dessen Stunden gezählt sind und der sich noch einmal mit Menschen trifft, die ihm wichtig waren im Leben. Aber es tauchen in grösster Selbstverständlichkeit auch Menschen auf, die längst gestorben sind und die ihn gleichsam abholen von einem Seinszustand in den anderen. Hat man je einen sanfteren Tod gesehen als den dieses Films, wo die verstorbene Frau ihrem Mann aus der Zeit nach dem Leben die Hand reicht und die Begleiterin aus dem aktuellen Leben ihn loslässt? Wo Vergangenheit und Zukunft eins werden im Glauben an den Moment? Die Fragen, um die Weerasethakuls Film schwebt, sind elementar: Was sind wir? Wohin gehen wir? Was bindet uns? Was ist der Tod? Was ein Geist? Was ist die Seele? Wenn der Geist eines uns lieben Menschen weiter existiert, dann in unseren Gedanken, unserem Geist. Der Film «Uncle Boonmee» setzt dies visuell um und zeigt, was in Gedanken sichtbar ist, in Empfindungen. «Ich glaube an Seelenwanderungen zwischen Menschen, Pflanzen, Tieren und Geistern», sagt Apichatpong Weerasethakul, «die Geschichte von Onkel Boonmee ererzählt vom Verhältnis zwischen Mensch und Tier, zugleich überwindet sie die Linie, die beide trennt. Wenn das Kino so etwas zeigt, wird es zur gemeinsamen Erinnerung.» Die grosse Kraft dieses Films, sie steckt im absoluten Vertrauen darauf, dass das Kino ein wunderbarer Wahrnehmungsraum ist, der gemeinsame Erfahrungen schafft.

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