© Kino Orient  


Pandora's Box war 11 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im Februar 2010.

Pandora's Box

Yesim Ustaoglu, Türkei, 2008
112 Min.

In einem Bergdorf am Schwarzen Meer verschwindet eine alte Frau spurlos. Ihre drei erwachsenen Kinder reisen aus dem fernen Istanbul an, um die vermisste Mutter in den Bergen zu suchen und sie in die Stadt mitzunehmen. Dort wird klar, dass die Mutter an Alzheimer erkrankt ist und mehr Betreuung brauchen wird, als ihre Kinder sich das vorgestellt hatten. Aber nicht nur das Leben mit der Mutter stellt sich als Herausforderung heraus, auch die Beziehung der Geschwister untereinander zeigt ihre offenen Wunden. Die neuen Umstände zwingen die drei, auch untereinander klar zu kommen. Es ist der Enkel, der sich schliesslich der anrührenden Grossmutter annimmt und sie so nimmt, wie sie ist. Das ist ein Film, der ans Herz geht und der uns alle wohl deshalb so berührt, weil vieles uns vertraut vorkommt. Und sicher auch, weil die 90-jährige Tsilla Chelton die Mutter so ergreifend spielt. Sie ist aus «Tatie Danielle» noch in bester Erinnerung. Die türkische Regisseurin Yesim Ustaoglu hat mit ihrem Spielfilm «Reise zur Sonne» 1999 Aufsehen erregt und zahlreiche Preise an den Festivals der Welt geholt, unter ihnen den Internationalen Friedensfilmpreis. Danach erzählte sie mit «Waiting for the Clouds» eine Geschichte aus der Bergregion an der Schwarzmeerküste, an der sie selber aufgewachsen ist. Auch «Pandora's Box» spielt teilweise dort in einer Region, die in mancherlei Hinsicht an die Schweiz erinnert, mit ihren Bergdörfern, dem Leben in der Natur und mit Menschen, die das Leben auf den eigenen Schultern tragen - «Life on their Shoulders» hiess ein Dokumentarfilm, den Yesim Ustaoglu hier gedreht hatte und in dem sie sich den realen Menschen näherte. Nusret, die alte Frau in «Pandora's Box», ist genau eine solche Frau. Sie hat ihr Leben im Dorf verbracht, den Mann irgendwann verloren, die Kinder Nesrin, Murat und Güzin sind alle drei nach Istanbul gezogen, in die grosse Stadt am Bosporus. Dort leben sie ihr Leben, in dem sich nicht alle Träume erfüllt haben, und hier werden sie von der Nachricht aufgeschreckt, dass die Mutter verschwunden sei. Es ist dies der Ausgangspunkt zu «Pandora's Box», einem Film, der von den familiären Beziehungen erzählt und davon, wie die Kinder mit einer Mutter umgehen sollen, die an Demenz erkrankt ist. Die Tatsache, dass sie vermehrte Aufmerksamkeit braucht und Betreuung ist das eine, das andere: Die drei Kinder werden ihres eigenen Lebens zwangsläufig wieder stärker gewahr. Ustaoglu fügt die zwei Entwürfe zusammen: Hier die alte Frau in ihrem Haus fern der pulsierenden Welt, dort die Kinder und der Enkel Murat. «Der Idealismus wird schleichend ersetzt durch Konformismus», sagt die Regisseurin und bringt mit ihrem Film ein zentrales Problem auf den Punkt.

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