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Max Frisch. Citoyen war 7 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im März 2008.

Max Frisch. Citoyen

Matthias von Gunten, Schweiz, 2008
94 Min.

Max Frisch: Der letzte grosse Schweizer Intellektuelle, der über das eigene Land hinaus als Stimme breit wahrgenommen worden ist - eine Figur, wie es sie heute kaum mehr gibt. Vor dem Hintergrund des vergehenden 20. Jahrhunderts spürt der Film Max Frisch als wachem und neugierigem Zeitgenossen nach. Er nimmt uns mit auf eine Reise durch Frischs Texte und Reden, die zwischen Poesie und Politik immer nach der eigenen Haltung, nach dem eigenen Urteil suchen. Gleichzeitig erzählen wichtige Freunde und Bekannte wie Peter Bichsel, Günter Grass, Christa Wolf, Helmut Schmidt oder Henry Kissinger, wie sie Frisch und dessen Engagement erlebt haben. So entsteht das Bild eines Autors, der nicht nur Theaterstücke und Romane verfasst, sondern auch ein Leben lang teilnimmt am Geschehen seiner Zeit, der Stellung bezieht und der durch sein genaues Hinterfragen und dank seinem sprachlichen Können noch heute so aktuell ist, wie er in seiner Zeit war.

Der Filmemacher Matthias von Gunten notiert zu seinem Film: «Vom Verstummen der Intellektuellen ist heutzutage immer häufiger die Rede. Viele haben es bereits vergessen und Junge können es sich meist gar nicht vorstellen, wie das eigentlich ist: Wenn ein Autor teilnimmt an seiner Zeit und für seine Mitmenschen zu einer wichtigen Stimme wird. Max Frisch (1911 - 1991) war nach dem Tod von Friedrich Dürrenmatt und Niklaus Meienberg so etwas wie der letzte Schweizer Intellektuelle, der eine solche Rolle bewusst wahrnahm und von seiner Umwelt, im In- und Ausland, auch so wahrgenommen wurde. Seit Frischs Tod, so stellte ich irgendwann fest, sind bei uns keine Stimmen mehr zu hören, die das Denken ihrer Zuhörenden und Gegner in Bewegung setzen - oder auf die man sogar wartet. Das zeigt sich besonders in Zeiten wie jetzt, wo eine rechtspopulistische Partei das politische Klima im Land derart prägt, dass zwar weltweit besorgte Kommentare dazu erscheinen, doch markante Stellungnahmen von Schweizer Intellektuellen schlicht ausbleiben: Die Schweiz ist wieder ein Land geworden, wo Autoren, Denker, Kulturschaffende und sonstige Intellektuelle in gesellschaftlichen Fragen und Prozessen so gut wie keine Rolle spielen. Und dies seit Jahren. Ich weiss, dass ein Engagement von Intellektuellen weder gefordert werden kann, noch ist es gesagt, dass ihr Beitrag für die Gesellschaft immer ein Gewinn ist. Dennoch vermisse ich im öffentlichen Diskurs unseres Landes jene Schicht von unabhängigen Autoren, die mit ihren eigenen sprachlichen oder künstlerischen Mitteln Fragen und Gedanken aufwerfen, welche die eingespielte Standardsprache von Politikern und Journalisten durchbrechen, entlarven oder neu beleben. Frisch hat diese Rolle beispielhaft gespielt. Nicht dass ich mit ihm immer einverstanden gewesen wäre oder ihn als Richtschnur benötigte. Diese Rolle wollte er nie. Aber immer bargen seine veröffentlichten Gedanken, seine Sätze, seine Sprache eine Überraschung, einen unerwarteten Blick auf seine Gegenwart - auf uns. Durch seine Texte und Reden, und ohne dass ich ihn persönlich je kennengelernt hätte, wurde er mir zum wertvollen Begleiter. Als ich wieder in seine Tagebücher und Textsammlungen hineinstöberte, fiel mir auf, wie sich sein Werdegang als teilnehmender Zeitgenosse, sein allmähliches Finden der eigenen Haltung und seine lebenslange Selbstüberprüfung mit seinen eigenen Worten erzählen lassen. Die Texte, die diesen Weg beschreiben, wurden zur Basis des Films. Sie machen uns zu unmittelbaren Zeugen davon, wie ein neugieriger und selbstkritischer Mensch vor dem Hintergrund des laufenden 20. Jahrhunderts durch Schauen, Leben und Fragen sein eigenes Denken entwickelt - und schliesslich zu dem wird, was Frisch war: eine Stimme, der man zuhörte, weil sie etwas zu sagen hatte. Dabei ist wohl entscheidend, dass auch die politischen Äusserungen Frischs nie nur politisch waren, ideologisch oder einfach moralisierend, sondern dass er es immer verstand, die aufgeworfenen Themen und Fragen in eine Frage nach dem Menschen zu verwandeln - die er dann meist an sich selbst überprüfte. Und vielleicht ist dies der Hauptgrund, weshalb so viele ihm zuhörten und davon immer wieder belebt waren: es ging Frisch letztlich nie um Politik oder Urteil über andere, sondern immer um die eine ewige Frage, wie wir unser Dasein als Menschen verstehen und leben. Einen Film über den Citoyen Frisch zu machen, ist für mich deshalb nicht rückwärtsgewandte oder nostalgische Verklärung, sondern ein Bekenntnis dazu, wie sehr ich solche Figuren schätze (und heute vermisse) und wie aktuell sein Denken und Schauen - gerade auch in der heutigen Zeit - für mich geblieben ist!»

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