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Daratt - Dry Season war 8 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im September 2007.

Daratt - Dry Season

Mahamat-Saleh Haroun, Tschad, 2006
93 Min.

Das afrikanische Kino hat es schwer, die Produktionsmöglichkeiten sind beschränkt. Dennoch entstehen grossartige Filme wie «Daratt» von Mahamat-Saleh Haroun aus dem Tschad, der letztes Jahr am Internationalen Filmfestival von Venedig im Wettbewerb lief, den Grossen Spezialpreis der Jury holte und jetzt in die Schweizer Kinos gelangt. Es geht in diesem Film um ein brennend aktuelles Thema, das nicht nur den Tschad beschäftigt: Wie kann der Teufelskreis aus Gewalt und Rache durchbrochen werden? Wie findet ein in sich zerstrittenes Land zurück zu seinem Frieden? Mahamat-Saleh Haroun erzählt eine durchwegs ruhige Geschichte, friedfertig und liebevoll, fast zärtlich mitunter, und dies, obwohl in ihr das Moment zum Schuss aus dem Revolver schlummert. Er gestaltet seinen Film mit einem ausgeprägten visuellen Bewusstsein und der Freude am ruhigen Blick. Worum geht es? Die Regierung im Tschad hat eine allgemeine Amnestie erlassen, um den Teufelskreis der Gewalt zu stoppen. Der 16-jährige Atim erhält von seinem Grossvater einen Revolver, damit er den Mann töten kann, der seinen Vater getötet hat. Atim verlässt sein Dorf und geht in die Hauptstadt N’Djamena auf der Suche nach einem Mann, den er nicht kennt. Der junge Mann macht sich auf den Weg, am Mörder seines Vaters Rache zu üben. Noch bevor Atim selber zur Welt kam, war sein Vater umgebracht worden. Nun findet er eine respektierte und Respekt gebietende Persönlichkeit, die eine kleine Bäckerei und ein einfaches Leben führt, und er beginnt für den Mann zu arbeiten. Atim lernt Brot backen, und langsam entwickelt sich eine eigenartige Beziehung zwischen den beiden. Der Ältere würde den Jüngeren sogar gern als Sohn adoptieren – er kennt den Anlass seines Besuches nicht. Gleichzeitig aber umkreisen die beiden einander, der eine unsicher darüber, ob er Rache nehmen soll, der andere dabei, sich selbst fast aufzugeben angesichts der Konkurrenz durch eine Grossbäckerei. Die Beziehung der beiden führt vor Augen: Wenn zwei Menschen sich näher kommen, verstehen sie einander besser und können übergeordnete Verhaltensmuster eher überwinden. Der Tschader Mahamat-Saleh Haroun ist bekannt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Filmemacher Afrikas. Auf den ersten Spielfilm «Bye Bye Africa» folgte der mehrfach ausgezeichnete «Abouna», eine einfühlsame und berührende Betrachtung zweier Jungen auf der Suche nach dem vermissten Vater. Wie diese früheren Arbeiten ist nun «Daratt» einfaches Geschichtenerzählen. In der Einfachheit der Erzählung aber ruhen ihr Reichtum und ihre Relevanz für unsere Zeit. Und nebenbei: Der Film greift dieselbe Frage auf, die schon Wolfgang Amadeus Mozart, der Haroun inspiriert hat, in seiner Oper «La clemenza di Tito» stellte: Sind Vergebung und Versöhnung in einem durch Krieg erschütterten Jahrhundert überhaupt möglich? Überall auf der Welt, vor allem aber in Afrika, ist diese Frage von vorrangiger Bedeutung.

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