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Bamako war 10 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im Februar 2007.

Bamako

Abderrahmane Sissako, Mali, 2006
115 Min.

Afrika hält Gericht und zeigt's dem Wilden Westen! Ein Film von enormer Dringlichkeit, unterhaltsam bei aller Ernsthaftigkeit der Themen, die darin zur Sprache kommen. Und ein ausgesprochen sanfter Blick auf den Alltag in einer afrikanischen Stadt. Der gebürtige Mauretanier Abderrahmane Sissako lädt uns ein in Malis farbenfrohe Hauptstadt Bamako, wo er im Hof des Hauses seines verstorbenen Vaters eine Gerichtsverhandlung in Szene setzt, in jenem Hof, in dem er selber seine Jungend verbracht hat. Doch keine Angst, das ist alles andere als trockene Faktenbeigerei: Spannungsgeladen präsentiert sich die hier in Szene gesetzte Verhandlung gegen die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds, die ja eigentlich da wären, ausgleichend zu wirken im Weltmarkt. Munter läuft während der Gerichtsverhandlung im Hof das Leben weiter. Die geniale Idee von Sissako war es, Gericht zu halten im Alltag, denn aus ihm heraus wird so vieles, was diskutiert wird, ganz beiläufig sichtbar, wahrnehmbar, erkennbar. Und darüber hinaus spielt der Alltag aufs Unterhaltsamste seine Streiche. Natürlich schweift Sissakos Blick immer wieder ab, widmet er sein Interesse Randfiguren im globalen Game, um die Widerwärtigkeit der nördlichen Arroganz umso sichtbarer zu machen. Er ist auch ein hochsensibler Porträtist, der schöne Augenblicke im wahrsten Sinn des Wortes einzufangen versteht und mit Menschen arbeitet, die ihm vertraut sind, zu denen er eine geradezu zärtliche Beziehung pflegt. Wenn die Welt heute voller Wunden ist, dann aufgrund einer langen kolonialen Geschichte, die gerne vergessen geht, wenn man das Heute betrachtet. Abderrahmane Sissako führt uns dies am Beispiel Afrikas im Innenhof seines Hauses vor Augen und vor Ohren. Luzid sind die Auseinandersetzungen und Äusserungen, real existierende Figuren und erfundene spielen ineinander über und miteinander, um von dem zu reden, was ist. Die Anwälte in seiner Gerichtsverhandlung sind reale Anwälte, die die Positionen der beiden Seiten einnehmen und vertreten, neben den Menschen aus dem Volk, die sich zu Wort melden und von ihren Erfahrungen berichten. Und von dem, was sein könnte. Zu Letzterem freilich würde so etwas wie ein globales Bewusstsein gehören, nicht nur ein Bewusstsein fürs Eigene sondern eben auch eines fürs Andere, für die Existenz des Anderen. «Bamako» gehört zu den dringlichsten Filmen zur Zeit, ein Werk, dem man grosse Aufmerksamkeit wünscht und Offenheit: Stiller Aufschrei, luzide Einsicht und sanfte Betrachtung.

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