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Grbavica - Esmas Geheimnis war 14 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im September 2006.

Grbavica - Esmas Geheimnis

Jasmila Zbanic, Bosnien, 2006
92 Min.

Wir eröffnen die fünfte Orient-Saison mit einem ebenso starken wie wichtigen Film aus Sarajevo, der im Februar in Berlin hochverdient mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Die Jury unter dem Vorsitz der britischen Schauspielerin Charlotte Rampling hatte da eine ausgezeichnete Entscheidung getroffen. Gründe dafür gab es genügend. «Wenn man an die Zukunft des Kinos glauben will, muss man an Filme wie Grbavica glauben», hatte die FAZ geschrieben. In der Tat schafft es die junge Bosnierin Jasmila Zbanic unspektakulär und hochsensibel eine Geschichte für die Kinoleinwand zu inszenieren, die mit dem Leben zu tun hat, und eine Form zu finden, die das Lokale universell macht, die das Menschliche in den Vordergrund stellt. Ein kleiner Film, vergleichsweise, aber eine grossartige Geschichte, die uns wieder einmal vor Augen führt, dass die wirklich berührenden Geschichten verwurzelt sind und ihre Kraft aus dem Humus vor Ort beziehen. Esma ist eine Mutter ende dreissig. Sie lebt mit ihrer 12-jährigen Tochter Sara allein im Nachkriegs- Sarajevo. Sara möchte auf einen Schulausflug gehen. Esma nimmt einen Job als Kellnerin in einem Nachtclub an, um das Geld für den Ausflug aufzubringen. Sie will, was jede Mutter möchte: Sie will, dass ihre Tochter all das haben kann, was andere haben können. Die quirlige Sara freundet sich mit Samir an, der wie sie selber keinen Vater hat. Beide Väter sollen als Kriegshelden gestorben sein. Aber Samir ist verwundert, dass Sara nicht weiss, wie genau ihr Vater starb. Wenn Mutter und Tochter das heikle Thema ansprechen, gibt Esma ausweichende Antworten. «Grbavica» lässt uns zuschauen und über die ausgesprochen exakte und lebensnahe Beschreibung langsam erkennen. Die Geschichte ist zunächst eine ganz alltägliche, wie wir sie rund um die Welt antreffen können: Eine Mutter lebt mit ihrer Tochter allein erziehend in einer Stadt. Die beiden verstehen sich gut, machen manchmal gemeinsame Sache, aber immer wieder scheinen auch die Konflikte auf, die zwischen einer Mutter und einer Tochter so entstehen können. Bei ihnen kommt dazu: Ein verspielter Moment kann bei den beiden ohne Vorwarnung in einen Schmerz kippen, der ahnen lässt, dass es da Wunden gibt, die höchstens an der Oberfläche verheilt sind. Mirjana Karanovic, die grossartige Kusturica-Schauspielerin, und Luna Mijovic verkörpern die beiden Figuren still und grossartig. Ihre Präsenz ist eines der kleinen Ereignisse, die «Grbavica» so gross machen. Ein anderes: Jasmila Zbanic führt uns an einen Punkt des Begreifens dessen, was Kriege hinterlassen, warum sie nie eine Lösung sind.

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