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Woman in the Dunes war 4 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im Juni 2006.

Woman in the Dunes

Hiroshi Teshigahara, Japan, 1964
123 Min.

«Eines Tages im August verschwand ein Mann. Er war mit der Bahn zu einem Ausflug an die Küste aufgebrochen, kaum eine halbe Tagesreise entfernt, und seitdem fehlt jede Spur von ihm.» Die Textpassage stammt aus einem grossartigen Roman des Japaners Kôbô Abe, «Die Frau in den Dünen». Das Buch wurde Anfang der sechziger Jahre von Hiroshi Teshigahara kongenial verfilmt, ein Werk, das hier in neuer Kopie zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder zu sehen, zu entdecken und zu geniessen ist. Eine Kinoperle, auf die wir ganz besonders stolz sind und die nicht zuletzt Patin war für den brasilianischen Spielfilm «The House of Sand» von Andrucha Waddington, den wir im Juni ebenfalls in Schweizer Kinopremiere präsentieren. Schliesslich gibt es nicht nur Fussball auf diesem Planeten, es gibt auch Ansprüche neben dem Rasen, und die wollen gestillt sein. Zum Beispiel mit grossartigem Kino. In Sommertagen kann ein Gang in die Wüste genauso wenig schaden wie etwas Wind, der dort bläst. Im Roman lesen wir: «Ein Windstoss blies ihm das kleine Tuch vom Gesicht. Aus den Augenwinkeln sah er golden die Linien der Dünen glänzen. Ein sanft ansteigender Hang löste sich aus dem Gold und versank schnell in der Dunkelheit. In dieser Raumaufteilung lag eine seltsame Spannung, und er zitterte vor einer ihm selber unbegreiflichen Sehnsucht nach Menschen.» Ein Käfersammler aus Tokyo verpasst den letzten Bus zurück in die Stadt. Listige Dorfbewohnende vermitteln ihm eine Übernachtungsgelegenheit in der Hütte einer Frau, die unten an den Dünen wohnt. Sie spannen ihn zu ihrer eigenen Entlastung ein in ihren alltäglichen Kampf gegen anwachsende Sandmassen. Mit der Frau zwischen Sanddünen eingeschlossen und nach mehreren vergeblichen Fluchtversuchen fügt er sich seinem Schicksal und nimmt die in der Hitze anstrengende Sisyphus-Arbeit auf. Das ist einer jener Filme, die man so schnell nicht mehr vergisst. Die Beziehung mit der Frau und die Entdeckung einer Möglichkeit, Wasser zu gewinnen, werden für den Mann wichtiger als das Wiedererlangen seiner vermeintlichen Freiheit. Obwohl er und sie sich fremd sind, entwickelt sich zwischen den beiden eine knisternde Spannung, die Hiroshi Teshigahara in hypnotischen Bildern festhält. Gegenüber dem sich näher kommenden Paar wachsen die kleinen Sandkörner in der Inszenierung des japanischen Regisseurs zu lebensbedrohlichen, unbezwingbaren Gegenspielern an. Was will man da mehr sagen als: Nicht verpassen!

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