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Effi Briest war 2 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im März 2006.

Effi Briest

Rainer Werner Fassbinder, Deutschland, 1974
141 Min.

Es gibt wenige Literaturverfilmungen, die so spürig und sinnlich nahe an der geschriebenen Vorlage sind und doch ihre Eigenständigkeit haben. Ein Besuch bei von Instettens im pommerschen Kessin lohnt sich immer und war schon längere Zeit nicht mehr möglich. Rainer Werner Fassbinder, Deutschlands grosser Wilder unter den Film- und Theaterschaffenden der sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, hatte Theodor Fontanes Gesellschaftsroman zwischen 1972 und 1974, also während einer für ihn als arbeitswütigen und ungemein viel produzierenden Künstler auffallend langen Zeit, filmisch adaptiert. Dabei hat er die Stimmung des Buches in der Schwarz-Weiss-Fotografie, den Blenden, Inserts und Stimmen sehr schön getroffen. Er verzichtet auf ein aufgemotztes Zeitbild zugunsten der Perspektive der Abgeschiedenheit Effis, die auch ein Opfer ihrer Zeit ist. Hanna Schygulla ist die ideale Besetzung für die Titelrolle, und sie hat hier einen ihrer stärksten Auftritte in einer reichen Schauspielerinnenkarriere. Die junge, unbekümmerte Effi Briest wird mit dem sehr viel älteren Baron von Instetten verheiratet. Obwohl Effi ihren Mann schätzt und sich bemüht, ihn zu lieben, wird sie in dieser Ehe nicht glücklich: Zwar hält auch sie viel von gesellschaftlichen Formen und Konventionen, doch im Grunde ist sie ein Naturkind, von spielerischer, manchmal leichtsinniger Art, so dass Instetten mit seinem korrekten, strengen Wesen, seinem schulmeisterlichen Gehabe ihr innerlich fremd bleiben muss. In der Kleinstadt Kessin, wo der Baron als Landrat tätig ist, beginnt Effi sich bald zu langweilen. In die Monotonie und Einsamkeit ihres Lebens bringen nur der liebenswürdige Apotheker Gieshübler und dessen Freundin, die Sängerin Marietta Trippelli, etwas Abwechslung. Instetten ist häufig auf Reisen, und allein in ihrem grossen Haus fürchtet sich Effi, zumal ihr Mann und die Dienerin Johanna ihre Ängste durch Spukgeschichten nähren: ein Mittel, sie zu unterdrücken und zu überwachen. Auch die Geburt einer Tochter ändert nichts an Effis tristem Dasein. Weniger aus Leidenschaft denn aus Langeweile und Sehnsucht nach Wärme beginnt sie eine Affäre mit dem routinierten Verführer Crampas, einem früheren Militärkameraden ihres Mannes. Doch widerspricht das heimliche Verhältnis ihrem offenen Wesen ebenso wie ihrem Pflichtbewusstsein gegenüber dem Ehemann und der gesellschaftlichen Norm, so dass sie unter Schuldgefühlen leidet. Als Instetten befördert und nach Berlin versetzt wird, fühlt sie sich zunächst erleichtert und befreit, doch bald kehren die alten Ängste und Gewissensbisse zurück. Effi erkrankt häufig. Durch Zufall entdeckt Instetten eines Tages Crampas’ Liebesbriefe. Obwohl die Affäre Jahre zurückliegt und der Baron seiner Frau gerne verzeihen möchte, folgt er seinem «Pflichtgefühl» und handelt so, wie die Gesellschaft es von einem betrogenen Ehemann erwartet. Er erschiesst Major Crampas.

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