© Kino Orient  


Nobody Knows war 13 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im Februar 2010.

Nobody Knows

Hirokazu Kore-Eda, Japan, 2004
135 Min.

«Le coup de coeur de Cannes», titelte eine Zeitung im vergangenen Mai. «Nobody Knows» war der Film, der an der Croisette sämtliche Herzen erobert hat und die Cinéphilen in den hellsten Tönen schwärmen liess. Dabei ist die Geschichte des Films eine denkbar einfache. Eine Mutter hat vier Kinder, zwei Jungen und zwei Mädchen. Jedes Kind hat einen eigenen Vater, aber von den Herren ist keiner anwesend. Und die Mutter zieht sich auch bald zurück, um Geld zu verdienen. Sie lässt die vier Kinder in einer kleinen Wohnung allein, betreut vom Ältesten, der als einziger nach draussen gehen darf ­ die Mutter hatte die Wohnung nur für sich und ein einziges Kind mieten können. «Nobody Knows» ist das, was man als Meisterwerk bezeichnet, ein Film von ebenso grosser Präzision wie Liebe. Was sich viele Kinder als paradiesischen Zustand ausmalen, ist für die vier in Tokyo Realität: Die Eltern sind weg, und sie beginnen, auf sich gestellt, inmitten der modernen Welt zu verwildern. Zögerlich verlassen sie ihre Wohnung, und eine magische Odyssee der Weltentdeckung beginnt, voller Nüchternheit und Poesie. Vier Jahreszeiten ziehen vorüber und eine Kindergeschichte, wie man sie selten zu sehen bekommen hat im Kino und von der die Genfer Zeitung «Le Temps» geschrieben hat, sie berühre so wunderbar, wie wenn man seinem Kind beim Einschlafen über den Kopf streichle. Nicht nur die Tatsache, dass die Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruht, macht sie so berührend. Die zurückhaltende Betrachtung eines Prozesses, der sich da vor unseren Augen abspielt, bewegt nachhaltig. Die Kinder ­ und mit ihnen die Zukunft ­ sind allein gelassen in einer Welt, in der doch alles und jedes versichert ist. Hirokazu Kore-eda gehört längst zu den bedeutendsten Regisseuren des Kinos, nicht nur des japanischen. Aber er ist ein stiller, dessen Geschichten sich auf den ersten Blick stark voneinander unterscheiden und beim zweiten Hinschauen wiederkehrende Themen und Motive offenbaren und eine Stringenz in der Erzählung, die ihresgleichen sucht. Kore-eda ist ein visueller Autor, der den Reichtum der Ausdrucksmöglichkeiten des Kinos kennt und weiss, dass dieser ganz besonders im Stillen ruht. Sein Kino ist denn auch ein geradezu meditatives, das einen mitträgt. Unter den Fragen, die den Japaner interessieren, dominieren die Suche nach dem Greifbaren am Lebenssinn und die Absenz der Väter in unseren modernen Gesellschaften. Als Dokumentarist hat er unzählige Menschen befragt und porträtiert, die sich mit dem Tod beschäftigt haben, und aus dieser Erfahrung heraus sind so grossartige Filme wie «Maboroshi no hikari» und «After Life» entstanden, Filme, in denen das Lebensende Anlass bietet, das Leben zu betrachten und auf seinen Sinn hin abzutasten: Was ist das, was bleibt? Wie wäre es, wenn sich der Mensch zu Lebzeiten um die Pflege dessen, was bleibt, kümmern würde? «Nobody Knows» reiht sich mit der Beobachtung des Kinderlebens nahtlos in diese Filmografie ein. Mit unendlicher Geduld betrachtet Kore-eda den Alltag der allein gelassenen Kinder in einer Grossstadt, in der es alles im Überfluss geben würde. Einem Seismografen gleich registrieren seine Kamera und sein Tongerät die Bewegungen im System der reinen Kinderfamilie. Wir werden Mitbewohnende, wo alle Erwachsenen ausgeschlossen bleiben. Wir erleben vier Jahreszeiten einer Kindheit ohne Aufsicht und schauen atemlos zu und mit Herzklopfen. Kore-eda hat eine Natürlichkeit im Spiel der Kinder erreicht, die wenig Vergleiche kennt. Wer Kinder hat, wird angetan sein, denn der Filmemacher dringt unaufdringlich und ohne falsche Akzente in deren Kosmos vor, unmerklich streicht die Zeit vorbei, bestärkt sich das Wissen darum, wie wichtig es ist, dass Kinder in einem Umfeld aufwachsen können, das sie nährt, das ihnen Halt gibt.

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