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Caro Diario war 2 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im Januar 2005.

Caro Diario

Nanni Moretti, Italien, 1994
100 Min.

Wir setzen unsere Reihe mit Filmen aus und über Italiener und Italienerinnen fort mit der Idee, die Ausstellung im Historischen Museum Baden auf diese Art durch bewegte Bilder und bewegende Geschichten in einen grösseren Kontext zu setzen und damit zu erweitern. Der persönlichste, erfrischenste, direkteste, wasserklarste Film stammt vom Italiener Nanni Moretti. Der Film tut gut wie ein Schluck reinen Quellwassers: Kino pur – hinsitzen und geniessen. Und obendrei hat er einen der besten Soundtracks der letzten Jahre. Moretti bewegt sich, also ist er. Er verweigert die traditionelle Erzählweise, zieht das scheinbar muntere Drauflosgfilmen vor. Nie hat er seine Kamera und seine Person so radikal dazu benutzt, seinen Film zu schreiben. Von Rom verabschiedet sich Moretti mit einer langen Fahrt zu jenem Ort, an dem Pier Paolo Pasolini ermordet wurde, jene andere, jene frühe, jene radikale Stimme gegen den Meinungsterrorismus der Mediokraten. Moretti besucht auf der Insel Lipari den zurückgezogen lebenden Freund (Renato Carpentieri), erlebt mit ihm die Kindermanie jener Generation, die erst noch betonte, dass man keine Kinder in diese kaputte Welt setzen könne. Und dann schildert er uns ganz sachlich, wie hilflos die Ärzte waren, als es galt, herauszufinden, warum es ihn anfangs der 90er Jahre juckte. Die Welt ist aus den Fugen geraten. Moretti, ein radikaler Gegner des italienischen Ober-Egozentrikers Berlusconi, mag ob dieser Erkenntnis nicht den Bettel hinschmeissen. Es gelte, «das Gleichgewicht zwischen Wachstum und Wohlbefinden» zu schaffen, meint der Bürgermeister auf Stromboli. Ohne Griesgram diagnostiziert Moretti die verschiedensten Geschwüre unserer Zeit, und er verweist wie schon früher auf ein Zentrales: Das der Kommunikation. Wenn er am Ende von «Caro Diario» nun ein wunderbares Rezept bereithält, so ist dieses wohl symbolisch genauso zu verstehen wie real: Trinkt doch jeden Tag als erstes ein Glas Wasser! verkündet er mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen. Vorwärts zu den Quellen, vorwärts zur wiedergefundenen Reinheit der Gedanken und Gefühle.

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